RE: Klage gegen Studiengebühren in NRW vor dem BVG Leipzig gescheitert
Ich sag's mal so: Die generelle Bildungsfeindlichkeit - gerade in den mittleren und unteren Schichten - wird dieses Land, sofern es nicht gewaltig aufwacht, wohl in den nächsten Jahrzehnten erledigen. Deutschland hat in der Bildungspolitik zudem in den vergangenen Jahrzehnten erheblich gepennt (siehe Signatur von T1000).
Deutschland ist als rohstoffarmes Land von der Innovationskraft seiner Bürger als Wirtschaftsstandort absolut abhängig. Die komplette Schwerindustrie des Ruhrgebiets, die Werften Norddeutschlands, all das ist in den vergangenen Jahren radikal niedergegangen. Wir haben das natürlich an den Arbeitslosenzahlen gemerkt, aber es ist sehr viel durch den Dienstleistungssektor kompensiert worden, sonst wären viel mehr Menschen arbeitslos.
Wir haben in Deutschland momentan zwei ganz große Probleme, und beide liegen im Bildungsbereich. Der eine ist Fachkräftemangel, der andere bildungsbedingte Arbeitslosigkeit. Man sollte dazu wissen: Die Arbeitslosenquote bei Leuten, die eine Universität besucht haben (sogar ohne Abschluß!) liegt weit unter der durchschnittlichen Arbeitslosigkeit.
Und hier kommen Studiengebühren ins Spiel. Meine These: Leute, die durch Gebühren abgehalten werden, sind aus einem ganz speziellen Milieu, das bildungsfern, aber nicht unbedingt arm ist: Handwerker, qualifizierte Arbeiter, Verwaltung und Dienstleistungssektor. Die Kinder dieser Leute bekommen oft kein BAFöG und keine Unterstützung von daheim und könnten ein Studium nur in "geerdeten" Studiengängen vor ihren Eltern verargumentieren, also auch ein wenig finanzielle Unterstützung abgreifen. Dieses Milieu hat aber gleichzeitig eine gesunde Abneigung dagegen, irgendwelche Sachen, deren Ausgang ungewiß erscheint, auf Pump zu finanzieren.
Was folgt daraus? Leute, die eigentlich eine Hochschulqualifikation haben, gehen in gut dotierte Ausbildungsberufe, die vorher Leuten mit schlechterer Qualifikation vorbehalten waren. Es findet sogesehen ein Verdrängungswettbewerb nach unten statt. Dies verschärft die Situation für diejenigen, die schlecht ausgebildet sind, noch erheblich, da zum einen die Berufe ohne nennenswerte Qualifikation in Deutschland aussterben, zum anderen Jobs, für die sie noch genügen würden, von Leuten besetzt werden, die besser qualifiziert und daher für den Arbeitgeber attraktiver sind.
Mein Fazit:
Die Leute, die für vorgelagerte Studiengebühren argumentieren, sägen gefährlich an ihrem eigenen Ast, weil sie sich der Tragweite gar nicht richtig bewußt sind.
Aber das ist alles ein sehr, sehr weites Feld.
Grüße,
DonRazzi, der so nutzloses Zeug wie Germanistik und Musikwissenschaft studiert...
Ich habe nichts dagegen, daß jemand, der von einer guten Ausbildung profitiert, diese auch bezahlt, aber von einem Studium profitiert erst derjenige, der dadurch einen besseren oder gesicherten Job bekommen hat...
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 06.05.2009 20:30 von DonRazzi.)
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